Reise nach Tschernobyl: Wie sicher ist der Abenteuertrip in die Geisterstadt?

Reise nach Tschernobyl

Obgleich noch immer der Geigerzähler ausschlägt, zählt Tschernobyl zu den beliebtesten Abenteuertrips der vergangenen Jahre. Schätzungsweise 70.000 Touristen besuchten 2018 das in der Ukraine liegende radioaktiv verseuchte Sperrgebiet: Tendenz steigend. Touranbieter melden für dieses Jahr bereits einen Buchungsanstieg um 30 bis 40 Prozent. Die Ursache für diesen Hype liegt unter anderem in der US-Erfolgsserie „Chernobyl“ von HBO begründet, die seit Mai dieses Jahres über Sky ausgestrahlt wird. Was dich auf deinem Trip nach Tschernobyl, 33 Jahre nach dem Supergau, erwartet und welche Sicherheitsvorkehrungen du beachten solltest, verraten wir dir hier.

Die ukrainische Geisterstadt Prypjat

Du stehst auf Horrorfilme? Dann ist die rund vier Kilometer vom Unglücksreaktor Tschernobyl entfernt gelegene und einst knapp 50.000 Einwohner beherbergende Geisterstadt Prypjat genau das Richtige für dich. Im Wind knarrende, längst verrostete Riesenradgondeln sowie mit rotbraunem Rost und Gras bedeckte Wagen eines Autoscooters erwarten den wagemutigen Besucher. Auf dem Gelände des einstigen Freizeitparks, der heute einem Gruselpark ähnelt, ächzt und knirscht es an allen Enden.

Leerstehende und teils eingefallene Häuser mit zerbrochenen Scheiben säumen die verlassenen und menschenleeren Straßen. Schulen und Kindergärten, in denen keine Kinder mehr lachen oder toben. Ein bis an das Mauerwerk zugewuchertes Schwimmbad mit einem gruselig anmutenden Sprungturm. Leere, Zerfall und Düsternis, wohin man blickt. Jeder Schritt und jeder Laut hallt in den Ruinen nach. Die perfekte Kulisse für einen gelungenen Horrorfilm – mit einem Unterschied: Das Szenario ist „echt“. Das Gruselfeeling, von dem der Besucher hier erfasst wird, ist sonst höchstens aus Filmen oder Videospielen bekannt. In Prypjat bei Tschernobyl wurde aus Fiktion knallharte Realität.





Prypjat Freizeitpark

Wie es zu dem Unglück kam

Vor nunmehr 33 Jahren, am 26. April 1986, führte im Kernkraftwerk Tschernobyl, nahe der Stadt Prybjat, ein fehlgeschlagener Test zu der bekannten Nuklearkatastrophe. Für einen eventuellen Stromausfall sollte am Reaktor 4 des Kernkraftwerkes überprüft werden, ob dieser im Ernstfall noch genügend Strom liefert, um ihn sicher abzustellen. Der Versuch ging schief, und der Reaktorblock überhitzte und explodierte, wobei große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt wurden. Alles in der Umgebung, egal ob Mensch, Tier oder Natur, war der Strahlung hilflos ausgesetzt. Schätzungsweise 350.000 Menschen mussten evakuiert werden und ihr Zuhause verlassen. Es wurde eine Sperrzone von 30 Kilometern Umkreis errichtet. Trotz der hohen Strahlenbelastung kehrten einige Menschen in die Sperrzone zurück und teilen sich nun die Region mit Touristen.

Das heutige Prybjat

Trotz Strahlenbelastung wurde die Stadt im Verlauf der Jahre wiederholt von illegalen Besuchern und Plünderern heimgesucht. Um für den Fall eines weiteren Unfalls schnelle Zufahrtswege zu schaffen, sind dort noch annähernd 4.000 Arbeiter beschäftigt. Die Straßen wurden bereits dekontaminiert, was bedeutet, dass sie weitgehend von der schädlichen Strahlung befreit wurden. Die aktuelle Strahlung liegt bei einem Messwert von 0,97 Mikrosievert pro Stunde. Im Vergleich dazu liegt in Deutschland die natürliche Strahlung bei circa 2,0 Millisievert im Jahr. Umgerechnet entspricht dies einer Dosis von 0,23 Mikrosievert pro Stunde. Bei kürzeren Aufenthalten im betroffenen Gebiet stellt dies also kein unmittelbares Gesundheitsrisiko mehr dar. Die Pflanzen und Tiere der Gegend haben sich offensichtlich gut an die Radioaktivität angepasst. Ein ausgedehntes Forschungsfeld hat sich hier für die Wissenschaft eröffnet. Die Forscher untersuchen seit Jahren die Entwicklung und Vegetation der heimischen Arten, wobei das Augenmerk besonders auf etwaige Veränderungen gerichtet wird.

Prypjat Krankenhaus

Touren und Ausflüge nach Tschernobyl

25 Jahre nach dem verheerenden Unglück wurde Prybjat und die Umgebung für den Tourismus eröffnet. Die radioaktiv kontaminierte Stadt im Zentrum des Sperrgebiets wird laut Forbes Magazin in die Rubrik „world’s unique place to visit“ eingestuft. Das Stichwort lautet: Dark Tourism. Für einen Besuch in Prypjat und den umliegenden Dörfern in der Sperrzone von Tschernobyl brauchst du eine gültige Zugangsberechtigung. Diese Berechtigung wird nur von ukrainischen Reiseveranstaltern ausgehändigt.

Die geführte Reise startet in den meisten Fällen mit dem Bus oder Van ab dem 100 Kilometer entfernt gelegenen Kiew und wird von professionellen Guides begleitet, die dich durch Prybjat und das Sperrgebiet führen. Ein zusätzliches Angebot besteht in Treffen mit Zeitzeugen, die den Besuchern einen hautnahen Einblick in die Geschehnisse vermitteln. Für einen nachhaltigeren Eindruck können mehrtägige Touren nach Tschernobyl gebucht werden.

Der Preis für die eintägige Tour beläuft sich auf etwa 80 Euro und umfasst sowohl den Besuch des Atomkraftwerks in Tschernobyl als auch die Geisterstadt Prybjat. Zu den Stationen der Tour zählen verlassene Kindergärten und Schulen mit umgefallenen Stühlen und Regalen sowie auf dem Boden verstreuten Blättern. Desgleichen wird ein Krankenhaus besucht, in dem sich die verrosteten Bettchen der einstigen Säuglinge aneinanderreihen und die von Tieren zerfetzten Puppen herumliegen. Ein wahrlich grauenerregender Anblick. Das wie von Geisterhand sich drehende Riesenrad mit seinen verrosteten und schaukelnden Gondeln sowie das verfallene und leere Schwimmbad gleichen der Filmkulisse zu einem apokalyptischen Blockbuster; sie hinterlassen auch bei einmaligem Besuch einen unvergesslichen Eindruck.

Prybjat Schwimmbad

Für eine mehrtägige Tour findest du Übernachtungsmöglichkeiten in einem Hostel direkt im Sperrgebiet von Tschernobyl. Inklusive Dusche, WLAN und Fernsehen liegt der Preis für eine Übernachtung in dem einfachen Hostel bei umgerechnet 7 Euro. Ein wichtiger Hinweis an dieser Stelle: Auch als Gast des Hostels darfst du die Geisterstadt nicht in Eigenregie erkunden, sondern nur im Rahmen einer geführten Tour!

Die Veranstalter weisen explizit darauf hin, dass die Teilnehmer der Touren ihr eigenes Trinkwasser sowie eigene Verpflegung für unterwegs mitbringen sollen. Die Lebensmittel und das Wasser in der Region gelten noch immer als radioaktiv kontaminiert und insofern als gesundheitsschädlich. Ein eigener Geigerzähler wird ebenfalls empfohlen, um während der Tour die Strahlenbelastung zu messen. Sollte kein eigener Geigerzähler vorhanden sein, kann er vor Ort ausgeliehen werden.

Sicherheitshinweise für eine Reise nach Prybjat

Wenn du eine Reise in das ehemals stark verseuchte Gebiet in Tschernobyl wagst, solltest du einige Sicherheitshinweise beachten. Trotz der vergangenen 33 Jahre seit dem Unglück sind durch die Nähe zum Reaktor die Gebäude und Pflanzen noch immer radioaktiv belastet. Aus diesem Grund ist das Sammeln von Pilzen und Beeren strengstens untersagt. Ebenso ist das Berühren von Pflanzen, der Wände von Gebäuden sowie sämtlicher Gegenstände verboten. Laut Veranstalter ist jedoch keine besondere Schutzkleidung vonnöten; langärmelige Kleidung und festes Schuhwerk reichen aus, um sich vor der noch bestehenden Strahlung zu schützen.

Bei der Ein- und Ausreise ins Sperrgebiet wird der Strahlungslevel gemessen sowie die behördlichen Genehmigungen überprüft. Um diese Sicherheitsformalitäten kümmert sich im Normalfall der Veranstalter. Bei einem Aufenthalt in der Ukraine von bis zu 90 Tagen brauchen Deutsche lediglich einen gültigen Reisepass; ein Visum wird nicht benötigt.

Tschernobyl Reaktor
Sarkophag über dem explodierten Reaktor

Bist du bereit für eine Reise nach Tschernobyl?

Ein Ausflug nach Tschernobyl ist nichts für schwache Nerven, doch unglaublich beeindruckend. Das havarierte Atomkraftwerk führt eindringlich das Ausmaß an Gefährlichkeit und Zerstörungskraft nuklearer Strahlung vor Augen. Es mahnt zu Vorsicht und Demut im Umgang mit radioaktivem Material und erinnert an die verheerenden und langanhaltenden Folgen für Mensch, Tier und Natur.

 

Fotos: enolabrain; Stefan; Fotokon; Ievgenii / stock.adobe.com

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